Interview mit Spitzenkandidatin Evelyn Regner

Bild: Sebastian Philipp

Evelyn Regner ist die weibliche Spitzenkandidatin der SPÖ für die EU-Wahlen. Bereits in den letzten Jahren konnte sie als EU-Parlamentarierin die Geschicke Europas mitgestalten. Im Interview erklärt sie, was sie - vor allem für die Frauen - umsetzen möchte.

Evelyn, du hast sehr viel Erfahrung im Europäischen Parlament. Was ist dir besonders wichtig in deiner Arbeit?

Ich bin seit 2009 EU-Abgeordnete und kämpfe als Gewerkschafterin und Feministin für ein echtes soziales Europa. Ich will, dass die Menschen in Europa gute Jobs haben und ohne Existenzängste und gleichberechtigt leben können. Dafür müssen wir im EU-Parlament solche Gesetze auf den Weg bringen und deshalb macht es einen Riesenunterschied, wer verhandelt. Denn ohne Zustimmung des EU-Parlaments kann in der EU nichts Gesetz werden.

Wie sieht dein Arbeitsalltag im Europäischen Parlament aus. Gibt es eine Geschichte oder eine Begegnung, die besonderen Eindruck auf dich gemacht hat?

Es ist eine wunderbare Aufgabe im EU-Parlament zu arbeiten. Die Tage schauen immer ganz unterschiedlich aus: Neben der Arbeit in den Ausschüssen und im Plenum, laufen Beratungen und Verhandlungen und ich treffe BesucherInnen, die nach Brüssel oder Straßburg kommen.
Im Laufe der Jahre trifft man mit so vielen engagierten und inspirierenden Menschen zusammen. Ganz besonders in Erinnerung ist mir das Zusammentreffen mit den Jesidinnen Nadia Murad Basee und Lamiya Aji Bashar geblieben. Die beiden waren unter den tausenden Frauen, die von der Terrormiliz IS entführt und monatelang sexuell missbraucht wurden. Seit ihrer Befreiung kämpfen sie gegen die Unterdrückung und Versklavung von Frauen. Dafür haben sie auch den Menschenrechtspreis des EU-Parlaments bekommen. Es ist beeindruckend, wie die jungen Frauen mit ihrer eigenen Geschichte wachrütteln und gleichzeitig so eine positive Kraft ausstrahlen und sich ihr Lachen nicht nehmen lassen.

In einigen Ländern Europas gewinnen reaktionäre Kräfte die Oberhand. Sind Frauenrechte wieder in Gefahr?

Auf jeden Fall. Es ist unsere Pflicht, die Rechte die wir vielen mutigen Frauen verdanken, tagtäglich zu verteidigen. Gerade angesichts eines rechtskonservativen Backlashes müssen wir uns der Zurück-an-den-Herd-Politik und jeglicher Form von Gewalt an Frauen entgegenstellen. In diesen Zeiten ist das EU-Parlament umso mehr ein Schutzgarant für die Rechte der Frauen geworden. Denn dort wo nationale Regierungen auf die Frauenrechte losgehen, wie etwa in Polen oder Ungarn, schaut das Europaparlament nicht weg – oder zumindest die progressiven Abgeordneten – und stellt sich an die Seite der Frauen.

Was möchtest du für die Frauen durchsetzen?

Mit meiner Arbeit im Europaparlament bin ich eine starke Stimme für Frauen. Dass Männer und Frauen gleiches Gehalt für die gleiche Arbeit bekommen sollen, ist seit 1957 in den EU-Verträgen verankert. Gleichberechtigung liegt somit in der DNA der Europäischen Union. Aber wie schaut die Realität aus? Frauen verdienen im EU-Durchschnitt immer noch um 16,3 Prozent weniger als Männer. Österreich ist hier eines der Schlusslichter. Wenn wir mit einem solchen Schneckentempo weitermachen, wird die Lohnschere noch mindestens vierzig Jahre ein Problem in Europa sein wird. Das können wir Frauen uns nicht leisten.
Außerdem will ich, dass mehr Frauen in Europas Chefetagen sitzen. Ein Meisel reicht für die gläserne Decke nicht mehr aus, die müssen wir mit vielen Hämmern gemeinsam zerschlagen. An verbindlichen Quoten führt da kein Weg vorbei. Bis 2020 sollen mindestens 40 Prozent der Aufsichtsräte Frauen sein. Blockiert wird das von den Mitgliedstaaten, allen voran Deutschland. Ich kämpfe für ein Europa, in dem Frauen alle Chancen haben – und das gilt auch für die Chefetagen.