Frauengeschichten. Lesung wider die Gewalt.

Einleitende Wort durch die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ)

Die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures lud am 7. März 2022, den Vorabend des Weltfrauentages, zu einer Lesung zum Thema Gewalt gegen Frauen ins Parlament in die Hofburg ein. Die Ensemblemitglieder des Burgtheaters Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski und Sabine Haupt lasen ausgewählte Texte zum Thema Gewalt gegen Frauen. Der Abend wurde von Schriftstellerin Julya Rabinowich künstlerisch gestaltet und moderiert.

„Die Pandemie war der Beginn eines gesundheits- und gesellschaftspolitischen Ausnahmezustands mit Eingriffen in die Grund- und Freiheitsrechte. Wir Frauen sind dadurch unter einen besonderen Druck geraten, denn die Aufteilung neuer Aufgaben folgte alten Rollenbildern. Unbezahltes Homeschooling war schnell – und scheinbar selbstverständlich – Sache der Mütter“, eröffnete Bures den Abend. Die Pandemie habe die Probleme – prekäre Arbeitsverhältnisse, Ungleichheit zwischen Frauen und Männern und die ungerechte Entlohnung in den sogenannten systemrelevanten Frauenberufen – wie ein Brennglas verstärkt. Doch ein weiteres Problem sei durch die COVID-Pandemie aufgetaucht: „Frauen wurden aus dem öffentlichen Raum in die eigenen vier Wände gedrängt. Und dies sei oft der gefährlichste Ort für Frauen“, mahnte Bures.

Bures: Anstieg der Gewalt an Frauen seit Beginn der Pandemie um 55%

„Alleine in Österreich wurden im Vorjahr 31 Frauen ermordet. Die Jüngste war 13, die älteste 86 Jahre alt. 13.600 Mal wurde 2021 ein Betretungs- und Annäherungsverbot über einen Gefährder verhängt. Das bedeutet einen Anstieg von 55% seit Beginn der Pandemie“, so Bures. Gewalt gegen Frauen habe viele Gesichter. Immer gehe es dabei um die Ausübung von männlicher Macht und Kontrolle. Es gehe darum, das Machtgefälle aufrecht zu erhalten und sei daher auch immer Ausdruck patriarchaler Verhältnisse. „Wir brauchen eine proaktive Frauenpolitik, um Frauen gleiche Chancen, gerechte Einkommen und damit ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“, forderte die Zweite Nationalratspräsidentin.

In Hinblick auf das aktuelle Geschehen in Europa erinnerte Bures, dass der Frauentag in seiner über 100-jährigen Geschichte ein Tag der internationalen Solidarität und des Friedens sei. Krieg sei die schlimmste und verheerendste Form von Gewalt. „Wir sind gut beraten, keinen Zweifel an unserer identitätsstiftenden Neutralität aufkommen zu lassen. Aktive Neutralitätspolitik bedeutet, dass wir uns nicht an militärischen Auseinandersetzungen beteiligen. Die Neutralität verpflichtet uns umso mehr zur Solidarität“, thematisierte Bures den friedensstiftenden Charakter der österreichischen Neutralität angesichts der Ukraine-Krise.

Rabinowich: „Hinter verschlossenen Türen blühen manchmal die Blumen des Bösen!“

Für die künstlerische Gestaltung sowie die Moderation der Veranstaltung zeigte sich Schriftstellerin Julya Rabinowich verantwortlich. „Die Gesellschaft trage Verantwortung und dürfe nicht davor zurücktreten. Es sei bereits Vieles passiert – aber noch immer nicht genug. Das sind wir den Frauen schuldig und das haben sie sich verdient. Schaut nicht weg! Der aufmerksame Blick, das Hinhören – das alles kann Leben retten. Hinter verschlossenen Türen blühen manchmal die Blumen des Bösen. Gewalt an Frauen geht uns alle an. Das gilt nicht nur für die Zivilgesellschaft, sondern auch für die Politik“, so Rabinowich. Sie las gemeinsam mit den Burgschauspielerinnen aus ihrem Werk „Hinter Glas“.

Der Jugendroman „Hinter Glas“ beschreibt den Weg der jungen Alice, die aus ihrem lieblosen Elternhaus in eine gewalttätige Beziehung mit ihrem Freund Niko flüchtet. Erst eine Gewalttat des Freundes und der Unfall zweier unbeteiligter Personen reißt die junge Frau aus ihrer Starre. Sie beginnt Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für ihr Leben, ihre Familie und für ihr Tun. Die Scherben eines zerbrochenen Spiegels auf einem Flohmarkt führen durch das Buch und zeigten Alice die Stücke und Teile ihres Lebens auf. Alice‘ Veränderung und Emanzipation ist zugleich auch die Befreiung der gesamten – bisher unglücklichen – Familie.

Literarische Reise durch ein tiefes Tal bis zum Durchtrennen der Gewaltspirale

Die Burgtheaterschauspielerinnen Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski und Sabine Haupt lasen ausgewählte Texte zum Thema Gewalt gegen Frauen. Mit ihrer Lesung „Der Oger“ aus Veza Carnettis Buch „Die gelbe Straße“ erzählte Dorothee Hartinger die Geschichte einer jungen Frau, deren Ehemann sie wegen ihrer Mitgift geheiratet hat. Gewalt steht auf der Tagesordnung. Frau und Kind werden geschlagen, zum Hungern gezwungen und misshandelt. Der Mut der Mutter, die Freiheit mittels Anwalt zu erringen, wird durch die gesellschaftlichen Normen der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts verhindert. Vergewaltigung wird als Intimität bezeichnet und die Scheidung wird damit unmöglich.

Von der Befreiung von Frauen aus einem tiefen, dunklen Tal erzählte die Darbietung von Burgschauspielerin Sabine Haupt aus dem Buch „Blauschmuck“ von Katharina Winkler. In diesem Tal besitzen alle Frauen Blauschmuck, bereits die jüngsten tragen den Schmuck in Blau auf ihrer Haut – eine Analogie an die blauen Flecken nach Gewaltattacken. Es ist die Geschichte einer Befreiung aus einer Gewaltbeziehung, die von Überwachung, Erniedrigung und Demütigung erzählt. Aber auch von der heimlichen Solidarität der anderen Frauen. Es ist die Geschichte von Ausreden und Lügen, um die Brutalität zu verheimlichen. Erst ein Krankenhausaufenthalt kann die Gewaltspirale durchtrennen und Mutter wie Kinder befreien.

Schauspielerin Dörte Lyssewski las aus dem Buch „Blaue Frau“ von Antja Rávik Strubel, das 2021 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die junge Alina macht die sexuelle Gewalt durch einen mächtigen Mann öffentlich und kann sich dadurch befreien. Die Hilflosigkeit der jungen Frau von früher wechselt, als sie den Peiniger wiedertrifft und vor Gericht anklagt, zu kraftvollen und stetigen Schritten in Richtung Gerechtigkeit. „Entscheidend ist nicht, wie du in der Zwischenzeit gelebt hast, entscheidend ist, dass Du Dich bemerkbar gemacht hast“, beendete Dörte Lyssewski die Lesung.

Julya Rabinowich schloss den Abend mit den Worten: „Niemand kann den Selbstwert einer Frau rauben, die sich selbst neu definiert hat. Was gebrochen wurde, kann heilen, was erschüttert wurde, kann zur Ruhe kommen“.

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung sowie eine Rückschau auf vergangene Veranstaltungen finden Sie auf der Website des Parlaments. Die Veranstaltung ist als Video-on-Demand in der Mediathek des Parlaments verfügbar.