Zweite Nationalratspräsidentin Bures lud zu virtueller Veranstaltung am Internationalen Weltfrauentag

Bures: Es hat sich vieles zum Besseren entwickelt, aber das ist zu wenig

Vor 110 Jahren gingen in Österreich allein in Wien über 20.000 Frauen und solidarische Männer anlässlich des ersten Internationalen Weltfrauentages auf die Straßen, um für die Gleichberechtigung von Frauen zu kämpfen. Anlässlich des Internationalen Weltfrauentages lud Zweite Nationalratspräsidentin Doris Burs zu einer virtuellen Veranstaltung mit dem Titel „Unter Druck – Frauen in der Krise“. In einer Keynote gab die Historikerin Gabriella Hauch einen Überblick über die frauenpolitischen Entwicklungen und Veränderungen in den letzten 110 Jahren in Österreich. Welchen besonderen Herausforderungen und psychischen Belastungen sich Frauen durch die aktuelle Corona-Krise ausgesetzt sehen, wie man aus diesen Krisensituationen herauskommt und wie man sie vermeiden kann, besprachen die Psychoanalytikerinnen Erika Freeman und Jutta Menschik-Bendele in einem von Patricia Pawlicki moderierten Dialog.

Bures: Wir müssen uns bei Entwicklungen, die Gefahren eines Rückschritts mit sich bringen, dagegen stemmen

„Ich bin den Pionierinnen der Frauenbewegung dankbar, dass wir auf ihren Schultern stehen können. Die nächsten Frauenbewegungen sollen sehen, dass die Geschichte fortgeschrieben wurde“, sagte Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures in einer kritischen Analyse. Es gehe auch heute noch um faire Einkommen und um menschenwürdige Lebensbedingungen. Der Weg zur Gleichberechtigung sei kein linearer gewesen, erinnerte Bures auch an massive Rückschritte für die Emanzipation. „Es hat sich vieles zum Besseren entwickelt, aber das ist zu wenig“, betonte die Zweite Nationalratspräsidentin und stand für ein Mehr an Diversität ein.

Bures rief zudem ins Bewusstsein, dass die Corona-Pandemie zwar alle in der Gesellschaft treffen würde, Frauen aber stärker. Das Frauenleben werde während der Krisenzeit auf den Kopf gestellt. Zudem würden 75% der Frauen Teilzeit arbeiten, aber nur 6% der Männer. Dies würde geringere Löhne und Pensionen nach sich ziehen. Jede dritte Frau könne von ihrem Einkommen nicht leben und sei in Abhängigkeit vom Partner. Auch in der Jobwelt gebe es im EU-Vergleich massive Ungerechtigkeiten. So rangiert Österreich etwa beim Frauenanteil in börsenorientierten Unternehmen an 26. Stelle, bei der gleichen Bezahlung sei Österreich im EU-Vergleich mit Rang 25 ebenfalls Schlusslicht, verwies Bures. „Wir müssen uns bei Entwicklungen, die Gefahren eines Rückschritts mit sich bringen, dagegen stemmen“, so die Zweite Nationalratspräsidentin.

Zukunft braucht Vergangenheit: „Wir wollen das Glück der Menschheit“

Zum ersten Mal wurde am Weltfrauentag eine Sondersitzung des Parlaments abgehalten. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Arbeitslosigkeit von Frauen um 40% gestiegen, die der Männer um 24%. In ihrer Keynote „Zukunft braucht Vergangenheit“ verwies Gabriella Hauch auf das erste Motto des Frauentages 1911, das zeitlos gültig sei, weil es eine universale Forderung ist, die keine Ungleichheiten aufgreift, sondern ein gutes Leben für alle fordert: „Wir wollen das Glück der Menschheit“. Die weitgehend rechtlose Stellung der Frauen im politischen Alltag, vor allem das fehlende Wahlrecht, ihre Stellung in der Familie unter der des Mannes sowie der fehlende höhere Bildungszugang machten Frauen über Jahrzehnte zu Menschen zweiter Klasse. Einen Aufschwung erlebten die emanzipatorischen Bestrebungen in den 70iger Jahren. Die Devise „das Private ist politisch“ gelte selbstverständlich noch heute, so Hauch, denn in der derzeitigen multiplen Krisensituation sei es für Frauen wichtig, auf die aktuellen Probleme massiv aufmerksam zu machen, „für das Glück der Menschheit.“

Was macht die Krise mit Frauen?

Was können Frauen tun, damit sie nicht kraftlos werden? Erika Freeman, Psychoanalytikerin, Zeitzeugin und Autorin, brachte die Problematik auf den Punkt: „Es ist normal und wir sind es gewohnt. Momentan ist mehr zu tragen, also tragen wir mehr“, lautete ihre Schlussfolgerung zu den Anforderungen durch die Pandemie, denn „wir bekommen zwei Tage im Jahr Frauentag und Muttertag, die Männer bekommen den Rest des Jahres. Und wir sind noch dankbar für das, was wir uns erkämpfen.“ Die Psychoanalytikerin riet aus ihrer Lebenserfahrung: „Wir müssen uns trauen, was zu wollen. Was du willst, wirst du kriegen. Erlaube es dir, tu es und es wird gehen.“

In Hinblick auf politische Forderungen verwies Freeman drauf: „Alles, was Frauen tun, ist eine Forderung“. Sie ist der Ansicht, dass es für Frauen noch immer rollenimanent sei, dass sie zuerst an andere denken und erst dann an sich selbst. „Die Kraft, die wir haben, benützen wir oft nicht für uns selbst, sondern für die Männer. Wir müssen uns daran gewöhnen: Wir wollen es und wir nehmen es uns. Wir sollten uns angewöhnen, menschlich zu denken, nicht männlich.“ Dies betreffe auch Gehaltsforderungen. „Wir haben nicht gelernt, an uns selber zu denken“, so Freeman.

Psychoanalytikerin Jutta Menschik-Bendele ging auf den Begriff der Arbeit in Zusammenhang mit Frauen ein, denn „Arbeit haben alle Frauen, aber keine Erwerbsarbeit“. Frauen sollten aus ihrer Sicht zudem ruhig selbstbewusster auftreten. „Wenn ein Mädchen etwas verlangt, ist es unverschämt, wenn ein Junge etwas verlangt, ist er tüchtig.