7. Prammer-Symposium – Esther Lynch und Emma Dowling zeigen geschlechtergerechte Wege aus der Krise auf

„In den Fußstapfen von Barbara Prammer ist unsere Vision des Feminismus global und universal in seiner internationalen Solidarität“, eröffnete Esther Lynch, die stellvertretende Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbundes, ihren Redebeitrag am 7. Barbara-Prammer-Symposium. Ebenso wie Emma Dowling, Assistenzprofessorin für die Soziologie des sozialen Wandels an der Universität Wien, verwies sie auf die frauenpolitischen Auswirkungen der Krise. Europaweit habe sich gezeigt, dass sich die Mehrfachbelastung von Frauen zwischen Hausarbeit, Erziehung, Fürsorge und bezahlter Arbeit zugespitzt habe. Die Schließungen von Kinderbetreuungseinrichtungen und fehlende soziale Daseinsvorsorge hätten dazu geführt.

Die Gewerkschafterin sprach zu drei wesentlichen „Baustellen“ einer progressiven Frauenpolitik, die gerade in dieser Krise ins Auge gefasst werden müssen. Die erste genannte Baustelle ist die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Es zeigt sich, dass, wenn gleichwertige Arbeit von Frauen anstatt von Männern geleistet wird, diese schlechter bezahlt wird. Das gilt nicht nur innerhalb eines Berufes, sondern auch zwischen den Branchen. „Wir haben die Arbeit von Frauen in diesen Bereichen als essentiell, als systemerhaltend anerkannt. Jetzt können wir die ungleiche Bezahlung nicht mehr hinnehmen!“, so die Gewerkschafterin. Es brauche Lohntransparenz, um die ungleiche Bezahlung sichtbar zu machen und den Gewerkschaften die Grundlage für effektives Verhandeln zu legen. Auf europäischer Ebene bemühe sich die Gewerkschaft darum, der Umsetzung einer europaweiten Gender Pay Transparency Directive Nachdruck zu verleihen, so Lynch.

An zweiter Stelle warf sie einen Blick auf die Arbeitsbedingungen von Frauen im Homeoffice. Für viele hat dieses zunehmende Isolierung bei zunehmender Mehrfachbelastung bedeutet. Die dritte wesentliche Aufgabe einer feministischen Antwort auf die Krise sei ein entschlossenes Auftreten gegen die Rückschritte in der Frauenpolitik. „Wir müssen den Backlash benennen. Auch hier in Europa müssen FeministInnen Widerstand leisten“, betont Lynch. Es müsse jetzt dafür gekämpft werden, dass in ganz Europa die Istanbul-Konvention, in der die Rechte von Frauen in Bezug auf den Schutz vor Gewalt festgehalten sind, ratifiziert und umgesetzt wird. Die Gewerkschafterin unterstrich darüber hinaus auch vehement die Forderung nach einer Investitionsoffensive in den Bereichen der Kinderbetreuung, Pflege und Fürsorgearbeit. Diese soll jenen, die Bedarf haben, Sicherheit geben und gute Arbeitsbedingungen für die Angestellten schaffen.

Mit dem Beitrag von Emma Dowling, Assistenzprofessorin für die Soziologie des sozialen Wandels an der Universität Wien, wurde im 7. Barbara-Prammer-Symposium auch ein Schwerpunkt auf die Ursachen und Folgen der Care-Krise gesetzt. Die Care-Krise besteht darin, dass die gesellschaftlichen Kräfte für Care, also für Pflege im engeren Sinne, aber auch für Sorge im weiteren Sinne, erschöpft werden. Die Menschen haben zu wenige Ressourcen, um sich um sich selbst und um andere kümmern zu können.

Die Ursachen für diese Krise liegen in der Dominanz des Neoliberalismus, der Privatisierung und Sparpolitik auch im Gesundheits- und Sozialbereich bedeutet. Auch wenn die Kürzungspolitik in Österreich nicht so dramatisch sei wie beispielsweise in Großbritannien, befinden sich die öffentlichen Kassen und die öffentliche Daseinsvorsorge trotzdem unter Druck, warnte Dowling. Der akute Pflegekräftemangel und die schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege würden die Care-Krise auch in Österreich verschärfen. Der Neoliberalismus bedeute allerdings nicht nur Defizite in der öffentlichen Versorgung, sondern auch, dass alle Elternteile insgesamt mehr bezahlt arbeiten müssen, um gemeinsam die Familie finanziell zu erhalten. Im neoliberalen Doppelverdiener-Modell sind beide Eltern erwerbstätig, doch die etablierten Rollenverteilungen führen dazu, dass die unbezahlte Fürsorge-, Erziehungs- und Hausarbeit weiter auf den Schultern von Frauen lastet.

Um einen Weg aus der Care-Krise zu finden, sei es wichtig, Pflege, Sorge und Erziehung nicht länger auf die Schultern Einzelner zu laden und damit den Irrweg von Marktlösungen und Plädoyers an die Eigenverantwortung zu verlassen. Der Kurs müsse korrigiert werden, indem eine steuerbasierte öffentliche Finanzierung von Care-Arbeit gewährleistet wird und eine zeitliche Entlastung stattfindet, so Dowling. Die Soziologin unterstrich damit die Bedeutung einer Arbeitszeitverkürzung für eine progressive Frauenpolitik und betonte aber auch, dass es einen grundsätzlichen Richtungswechsel von einer gewinnorientierten zu einer bedarfsorientierten Gesellschaft brauche.