Brucknerfest in Linz eröffnet

Begrüßung durch die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures (S) am Rednerpult Bild: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Bures betonte in Eröffnungsrede das kreative Potenzial der Kontroverse.

Die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures eröffnete heute in Linz das Brucknerfest mit dieser Eröffnungsrede:

„Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich werde Ihnen zwei Geschichten erzählen: über zwei zu Tränen gerührte Männer. An die erste können sich die etwas älteren Semester vielleicht erinnern. Sie hat am ersten Blick vielleicht wenig mit unserem heutigen Anlass, umso mehr aber mit dem heutigen Thema, dem der Kontroverse zu tun.

Es ist eine Episode aus ‚Don Camillo und Peppone‘. Ein Schwarz-Weiß Film aus den 1950er-Jahren nach den Romanen von Giovannino Guaresci mit Don Camillo als katholischem Pfarrer und dem kommunistischen Bürgermeister Peppone. Also der Verkörperung der damals aktuellen scharfen Polarität zwischen dem ländlich-katholischen und dem linken, proletarischen Italien.

Die beiden schenkten sich nichts. Konnten doch die Weltbilder und Haltungen kaum unterschiedlicher sein. Am Ende des Films wird der Pfarrer versetzt und muss das Dorf verlassen. Er besteigt den Zug ganz allein. Doch als der Zug in den letzten Bahnhof der Gemeinde einfährt, sieht Don Camillo eine große Menschenansammlung. Die Kommunistische Partei mit Bürgermeister Peppone an ihrer Spitze hat sich versammelt, um Don Camillo zu verabschieden. Peppone war sichtlich zu Tränen gerührt, als er sich von seinem größten Widersacher verabschieden musste.

Die zweite Geschichte ist eng verbunden mit dem Leben und besonders dem Sterben von Anton Bruckner. Am 15. Oktober 1896 – nur vier Tage nach Bruckners Tod – fand in der Wiener Karlskirche eine Trauerfeier statt. 8 Jahre jung war einer der Teilnehmer, der später einmal Präsident der Salzburger Festspiele werden sollte: Bernhard Paumgartner. Er berichtete davon, dass Bruckners großer Widersacher – Johannes Brahms – sich nicht nur unbemerkt in die Karlskirche begeben hat, sondern die Trauerfeier kurz vor ihrem Ende verließ. Brahms wollte nicht gesehen werden. Doch der 8-jährige Junge erkannte ihn. Und er erinnerte sich noch lange an Brahms‘ tränenerfüllte Augen.

Was war es, was diese beiden Männer weinen ließ? Sie waren doch endlich ihre Widersacher los. Warum überwog nicht ein Gefühl der Erleichterung?

Weil sie wussten, dass dies kein Sieg war, sondern ein großer Verlust. Weil sie wussten, dass die Kontroverse – das Thema des Brucknerfestes – sie vorangetrieben hat und sie eingefahrene Denkmuster überwinden ließ. Weil sie in der Kontroverse etwas erkannt haben, das sie Neues und Besseres schaffen ließ. Diese Dialektik menschlichen Seins treibt uns voran und bringt uns weiter.

In Kunst und Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung hat die Kontroverse ein großes kreatives Potenzial. Einzig in gesellschaftspolitischen Debatten scheint die Kontroverse immer mehr aus der Mode zu fallen. Immer enger werden unsere sozialen Kreise und das Umfeld, in dem wir uns bewegen. Immer selektiver werden die Meinungen und damit immer kleiner die Lebensrealitäten, dir wir wahrnehmen.

Wir wollen zwar etwas hören, aber hören nicht mehr zu.

Wir wollen zwar etwas sehen, aber schauen nicht mehr genau hin.

Wir wollen zwar etwas spüren, aber fühlen nicht mehr mit.

Viel bequemer und sicherer scheint es doch, sich in den gewohnten kommunikativen ‚Blasen‘ einzurichten und zu bewegen. Unangenehme Widersprüchlichkeiten können kommod bei Seite geschoben und mit eingeübten Reflexen verdrängt werden.

Hinzu kommt ein neuer Zeitgeist: Haltungen werden zunehmend durch Narrative ersetzt. Der politische Diskurs wird als lähmender Streit diffamiert. Aus Argumenten werden Messages – im besten Fall noch kontrollierbar. Und der demokratiepolitische Wert einer öffentlichen Kontroverse wird für Umfragewerte geopfert.

Als Demokratin und Parlamentarierin erfüllt mich diese Entwicklung mit Sorge. Weil wir dadurch auch den Respekt für unser Gegenüber verlieren. Heinrich Mann hat einmal gesagt: ‚Die Demokratie ist im Grunde die Anerkennung dafür, dass wir alle füreinander verantwortlich sind.‘

Und der Philosoph Karl Popper beischreibt seine Denkrichtung des kritischen Rationalismus als Lebenseinstellung. Eine Einstellung – und ich zitiere: ‚die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du Recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen‘.

Die Kontroverse also als Motor in eine bessere Welt… Dieses Bemühen aufzugeben – und nur mehr die zu hören, die am lautesten sind, nur mehr die zu sehen, die neben uns stehen, und kaum mehr Mitgefühl für andere aufzubringen – das gefährdet unseren gesellschaftlichen Konsens und Zusammenhalt. Nicht abrupt. Doch wie in einer Sanduhr: Korn für Korn.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die Kontroverse alleine ist noch kein Programm. Weder in der Kunst, noch in der Politik. Das wussten Bruckner und Brahms, das wussten Don Camillo und Peppone.

Doch als Gesellschaft haben wir mit der ‚Kontroverse‘ ein Instrument, um gemeinsam auch Besseres zu schaffen. Gerade in einer Krise können wir es uns nicht leisten, auf umfassende kritische Auseinandersetzungen zu verzichten. Denn nur durch diese werden wir den hohen Ansprüchen unserer liberalen Demokratie gerecht. Oder, wie es die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn der Coronakrise vor dem Bundestag so treffend formulierte: ‚Kritik und Widerspruch sind nicht nur erlaubt, sondern müssen eingefordert und angehört werden – wechselseitig.‘

Kritik und Widerspruch wertschätzen; das bildet auch das Programm des heurigen Brucknerfestes ab. Ich bin dem Brucknerfest und all seinen Mitwirkenden sehr dankbar dafür, dass Sie uns dies – gerade heuer und unter größten Anstrengungen – ins Bewusstsein rufen.

Geschätzte Festgäste!

Als in den letzten Monaten die Bühnen Corona-bedingt verstummten, wurde es erschreckend still in unserem Land. In den Zeiten des Lockdowns sind plötzlich viele in Einsamkeit und Isolation auf sich selbst zurückgeworfen worden. Die Faszination gesellschaftlichen Lebens und den Zauber eines gemeinsamen Erlebens von Kunst und Kultur haben wir alle schmerzlich vermisst. Es hat vielen von uns vor Augen geführt, worin der Unterschied liegt – ob man eben bloß zuhause Musik hört oder mit anderen Menschen ein Konzert besucht.

Wenn wir eine Aufführung besuchen, lassen wir uns auf etwas ein. Wir sind konzentriert, aufmerksam. Wir versuchen, die ganz bestimmte Sichtweise einer Künstlerin oder eines Künstlers zu ergründen und zu begreifen. Einen Standpunkt zu verstehen.

Und das weckt in uns ganz unterschiedliche Emotionen: es weckt Zuspruch, oder auch Ablehnung. Gleichgültigkeit oder Begeisterung. Irritation, oder vielleicht auch eine neue Sicht. Jeder von uns empfindet es im selben Moment ganz individuell. Und trotzdem schafft es eine Gemeinschaft. Weil wir genau hinschauen, genau hinhören und eben etwas fühlen!

Das ist es, was ein Kulturerlebnis so besonders macht. Und das ist es, was unsere Demokratie gerade jetzt so dringend braucht. Auch daran erinnert uns das Brucknerfest 2020! Auch dafür danke ich Intendant Mag. Dietmar Kerschbaum und seinem Team. Und es ist mir eine große Freude, das Brucknerfest 2020 für eröffnet zu erklären.“