Scheinheilige Empörung

Interview mit der Landesfrauenvorsitzenden LAbg. Sabine Promberger zu den aktuellen Ereignissen und Entwicklungen rund um die fürchterlichen Übergriffe in Köln.

Frage: Was sagst du zum Stand der derzeitigen Diskussion rund um die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln?

Sabine Promberger: Die Wogen ob der Attacken auf Frauen in Köln gehen erwartungsgemäß hoch. Und die Debatte über Gewalt an Frauen ist so öffentlich und breit gestreut wie in den letzten Jahren nicht. Die vielen, zum Teil sehr spekulativen Medienberichte machen es aber jenen, die ja „schon immer“ gewusst zu haben glauben, dass alle Flüchtlinge potenzielle Gewalttäter wären, sehr einfach und verunsichert die Menschen, die Asylwerbern grundsätzlich offen und positiv gegenüberstehen.

Frage: Was wünschst du dir für die Debatte?

Sabine Promberger: Wir dürfen das Vertrauen in den Rechtsstaat nicht verlieren. Die Täter müssen ausgeforscht, verhaftet und dem entsprechenden rechtsstaatlichen Verfahren überantwortet werden. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass diese Pauschalierungen ein Ende haben. Eine ganze Gruppe – in diesem Fall die Gruppe der Flüchtlinge, die keinesfalls homogen ist – für die Taten einzelner verantwortlich zu machen ist nicht nur vorschnell, sondern auch gefährlich. Es befördert Intoleranz, Hass und Aufrufe zur Selbstjustiz, die voll und ganz abzulehnen ist – genauso, wie die Abwertung von Frauen und die Haltung „A bissl Grapschen darf man doch.“
Als jemand, der sich schon lange Zeit für die Anliegen der Frauen stark macht, finde ich es bemerkenswert, dass Parteien bzw. Personen, die bislang sexuelle Gewalt gegen Frauen als nicht weiter erwähnenswert, ja sogar als Kavaliersdelikt ansahen, sich nun als frauenrechtsbewegt darstellen. Und das offenbar nur, um eigene rassistische Vorurteile zu transportieren. Während bis vor wenigen Tagen Gewalt gegen Frauen sowohl medial als auch gesellschaftlich stets ein Randthema war, bekomme ich derzeit den Eindruck, dass es in der Diskussion um die Übergriffe in Köln den meisten überhaupt nicht um diese Themen geht. Entlarvend ist, dass die Herkunft der Täter mehr im Zentrum steht als die Situation, in der sich nun die Opfer befinden.

Frage: Wo liegt für dich das Hauptproblem?

Sabine Promberger: Ich sehe es als gesamtgesellschaftliches Problem. Oberflächlich betrachtet erscheint die Emanzipation der Frau als weit fortgeschritten. Wenn man sich jedoch das Bild der Frau in der Werbung ansieht oder sich im direkten Gespräch anhören muss, wie selbstverständlich es für viele – auch hierzulande – noch immer zu sein scheint, Grapschen als „nichts Tragisches“ anzusehen, darf man sich nicht wundern, dass wir hier in der Art und Weise, wie darüber diskutiert wird, noch Aufholbedarf haben. Sich als die – überspitzt formuliert – „feministischen Lehrmeister“ der „rückständigen“ und „triebgesteuerten“ ausländischen Männer hinzustellen ist nichts anderes als zynisch und billige Effekthascherei.
Ein weiterer Punkt: Der überwiegende Teil der täglich stattfindenden Übergriffe schafft es schlicht nicht in die Öffentlichkeit: Weil die Opfer aus Angst vor Stigmatisierung keine Anzeige stellen, von den Tätern unter Druck gesetzt werden oder die Übergriffe nicht „sensationell“ genug sind, um es in die Zeitung zu schaffen.

Frage: Ein Interview mit dem Wiener Polizeipräsidenten in der Kronen Zeitung wird in den sozialen Medien derzeit heftig diskutiert. Wie stehst du dazu?

Sabine Promberger: Dass jetzt Verhaltensregeln für Mädchen und Frauen ausgegeben werden, sehe ich als Teil des Problems an. Es suggeriert, dass man als Frau Übergriffe vermeiden könnte, würde man sich entsprechend verhalten. Denkt man das weiter, so gibt man indirekt den Opfern die Schuld. Das befördert zusätzlich, dass nicht weiter danach gefragt wird, wie es den Betroffenen mit dieser Erfahrung geht. Anstatt prinzipiell zu sagen „Wir haben ein Problem mit Gewalt gegen Frauen“ debattieren wir nun darüber, ob eine Armlänge Abstand reicht oder nicht oder welche Herkunft die Täter haben.