Schmidt/Laimer: Frauen: Wir sind, wie wir sind – mit Selbstbewusstsein durchs Leben

SPÖ-Frauen starten Sommeraktion zu Schönheitswahn und Selbstbestimmung

Idealbilder von Schönheit und perfektes Aussehen werden in Medien und in Casting-Shows propagiert und die Bedeutung von gutem Aussehen hochstilisiert. Durch Schönheit, Jugendlichkeit und dem perfekten Körper wird das Leben erfolgreicher, leichter und schöner – wird suggeriert. Retuschierte Fotos tun ein Übriges dazu und zeigen Menschen, die es in der Realität gar nicht gibt. "So ist es nicht verwunderlich, dass viele Mädchen und Frauen mit ihrem Körper nicht zufrieden sind. Doch gibt es weder Perfektion noch ist Erfolg mit Schönheit gekoppelt. Essstörungen und Schönheitsoperationen gehören damit zum Alltag", so SPÖ NÖ Landesfrauenvorsitzende Elvira Schmidt: "Mädchen und Frauen sollen sich in ihrem Körper wohl fühlen. In der Sommeraktion ‚Mein Körper.Selbst.Bestimmt.‘ greifen die SPÖ-Frauen das Thema selbstbestimmte Körperlichkeit auf. Ziel ist es, Frauen zu vermitteln, dass sie genauso ‚passen‘ wie sie sind. Wir wollen selbstbewusste Menschen mit einem gesunden Körpergefühl", so Schmidt. In einer informellen Umfrage werden bis Mitte September Frauen in ganz Österreich zu Maßnahmen, die ein gesundes Körpergefühl fördern, befragt.

Essstörungen nehmen bei allen Bevölkerungsgruppen zu. Im Frauengesundheitsbericht 2010/11 wird die Anzahl der stationären Aufenthalte angeführt. "Diese Zahlen geben allerdings nur die ‚Spitze des Eisbergs‘ an, da nur die schweren Erkrankungen erfasst werden. Während 1998 1.520 Personen (90 Prozent davon Frauen) in Österreich infolge von Essstörungen stationär aufgenommen werden mussten, war dies 2008 bei 2.734 Personen (zu 90 Prozent Frauen) österreichweit erforderlich. Dies entspricht einer Steigerung in zehn Jahren von knapp 80 Prozent", so Schmidt.

Das Frauenbarometer zum Thema Frauengesundheit von Herbst 2014 weist aus, dass eine große Mehrheit der ÖsterreicherInnen für Maßnahmen ist, die das Körpergefühl und Selbstbewusstsein von Frauen fördern, weiß Schmidt: "82 Prozent der ÖsterreicherInnen sprechen sich etwa für eine Kennzeichnungspflicht von nachträglich retuschierten Werbefotos aus. 77 Prozent wollen, dass Schaufensterpuppen den menschlichen Körper realistischer darstellen als bisher. Sehr stark befürwortet wird auch eine Untergrenze für das Körpergewicht von Models: 87 Prozent der Befragen halten diese Maßnahme für ‚sehr geeignet‘ oder ‚geeignet‘, um das Körpergefühl und Selbstbewusstsein von Frauen zu fördern."

Sexuelle Belästigung ist kein Kavaliers-Delikt Fast jede sechste Frau in Österreich hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche sexuelle Belästigung (unerwünschte Berührungen, Umarmungen oder Küssen) erlebt (15Prozent), EU-weit sogar fast jede Dritte (29 Prozent). "Wir wollen mit dieser Aktion auch darauf aufmerksam machen, dass sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt ist. Denn auch der Schutz der sexuellen Integrität ist ein wichtiger Teil selbstbestimmter Körperlichkeit", sagt SPÖ NÖ Landesgeschäftsführer Robert Laimer: "Bei der Debatte um sexuelle Belästigung geht es auch um die Ausübung von Macht, um Grenzüberschreitung und Selbstbestätigung auf Kosten von Frauen. Noch immer nehmen sich manche Männer Dinge heraus, die völlig inakzeptabel sind und haben dabei offensichtlich kein Unrechtsbewusstsein. Sie betrachten Frauen als Objekte, nicht als gleichwertige Menschen." Laimer weist darauf hin, dass auch die zunehmende Verrohung der Sprache und daraus resultierende Respektlosigkeiten in diesem Zusammenhang immer öfter bemerkbar werden. Dazu sind Po-Grapschen, unerwünschte Berührungen und unerwünschte Küsse ganz klar als sexuelle Belästigung zu beurteilen. Es kann nicht sein, dass die Täter ungestraft bleiben.

Maßnahmen für ein gesundes Körperbewusstsein Bereits jedes zweite Mädchen und jede zweite Frau fühlt sich zu dick. Schon 13-jährige beginnen mit Hungerkuren und auch Schönheitsoperationen nehmen zu. Demgegenüber steht ein völlig unrealistisches Schönheitsideal, das von der Schönheitsindustrie vorgegeben wird. "Wir wollen mit möglichst vielen Frauen und Männern ins Gespräch kommen und darüber diskutieren, wie ein gesundes und realistisches Schönheitsideal am besten gefördert wird", sagt Laimer, der darauf aufmerksam macht, dass Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek in diesem Zusammenhang eine Kennzeichnungspflicht bei stark bearbeiteten Werbefotos und eine Gewerbeordnung vorgeschlagen hat, die Modelagenturen die Anstellung von Frauen und Männern unter einem bestimmten Body-Mass-Index untersagt. Entsprechende Gesetze gibt es dazu beispielsweise in Frankreich, Spanien und Israel.

"Zur Anzahl der Betroffenen liegen für Österreich keine fundierten epidemiologischen Studien vor, weshalb wir uns auf Schätzungen aus der Literatur beziehen müssen", sagt Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, die Leiterin des Beratungs- und Therapiezentrums sowhat und erklärt, dass schätzungsweise jede zwölfte Österreicherin eine Essstörung hat: Fest steht auch, dass die Essstörungen Anorexie und Bulimie Störungen sind, die primär Frauen betreffen (90 bis 95 Prozent).

Übertragen auf Niederösterreich bedeutet dies, dass zwischen 1.134 und 2.269 der Mädchen und Frauen dieser Altersgruppe an Anorexie leiden. Die Schätzungen hinsichtlich Bulimie liegen zwischen zwei und vier Prozent; damit wären in Niederösterreich zwischen 4.538 und 9.076 Mädchen und Frauen von Bulimie betroffen. In Niederösterreich sind demnach geschätzte 5.672 bis 11.345 Mädchen und junge Frauen von einer Essstörung (Anorexie und Bulimie) betroffen. Diese Schätzungen berücksichtigen nicht die betroffenen Burschen und Männer (fünf bis zehn Prozent der Gesamtzahl der Betroffenen sind männlich) sowie die subklinischen Essstörungen sowie die Binge Eating Disorder (= wiederholte Essattacken ohne kompensatorische Maßnahmen).

Letztere können zu Gewichtsproblemen bzw. Adipositas führen und kommen annähernd gleich häufig bei Frauen und Männern vor. Es wird geschätzt, dass in der Allgemeinbevölkerung zwischen 0,7 bis 3,3 Prozent an einer Binge Eating Disorder leiden. In Niederösterreich wären demnach zu einem beliebigen Zeitpunkt zwischen 11.098 und 52.321 Menschen von einer Binge Eating Essstörung betroffen.