Aufgeklärte Junge? Der blanke Horror!

Ein neuer, zeitgemäßer Erlass zur Sexualpädagogik ist dringender notwendig denn je. Alles andere wäre fahrlässig.

von LAURA SCHOCH  (Die Presse)

Die Arbeit des Bildungsministeriums an der zeitgemäßen Gestaltung von Sexualpädagogik in Schulen ruft veraltete Meinungen auf den Plan (siehe Gudula Walterskirchens „Quergeschrieben“ in der „Presse“ vom 20.4. und 11.5.). Davon war auszugehen. Doch es ist an der Zeit, die Polemik nervöser Erwachsener mit erfreulichen Tatsachen zu bremsen.

Es ganz einfach: Sexualität begleitet Menschen ihr Leben lang. Um sich selbstsicher entwickeln zu können, brauchen junge Menschen Wissen, das ihnen altersadäquat und ohne Scham vermittelt wird. Genau das soll ein neuer Erlass ermöglichen. Er möchte Pädagoginnen und Pädagogen Anhaltspunkte geben, um im Klassenzimmer eine passende Haltung einnehmen zu können, wenn Fragen auftauchen.

Er möchte für Eltern klar und verständlich darlegen, dass die sexuelle Entwicklung Teil der gesamten Persönlichkeitsentwicklung ist und deshalb sehr wohl einen fixen Platz in der Schule braucht. Er möchte Jugendlichen vermitteln, dass nur sie über ihre eigene Sexualität bestimmen. In Bezug auf sexuelle Bildung von Kindern und Jugendlichen gibt es drei Parteien: Schüler, Pädagogen und Eltern. Sie alle müssen einbezogen werden, wenn das Thema zum Thema wird.

 
Ein umfassender Ansatz

Der heute noch gültige Erlass ist 25 Jahre alt. Durch ihn kommen junge Menschen nur zweimal mit Sexualerziehung in Berührung – im Biologie- und Religionsunterricht. In der Realität bedeutet das, dass Jugendliche entweder mit trockenem Faktenwissen konfrontiert oder Moralvorstellungen vermittelt werden, die an der Lebensrealität der allermeisten völlig vorbeiziehen. Eine zeitgemäße Sexualpädagogik ist umfassend. Sie erkennt Sexualität als einen schönen und ganzheitlichen Teil des Lebens, der allen früher oder später begegnet.

Es geht also um Wissen über den eigenen Körper, Verhütung und rechtliche Fragen. Aber auch darum, die Bedürfnisse oder Unsicherheiten von jungen Frauen und Männern ehrlich zu besprechen und so den Rückhalt zu schaffen, mit dem sie sich in ihrer eigenen Welt der Sexualität zurechtfinden.

 
Langweiliges Medientheater

Mit dem Erlass reagiert die Politik auf den Wunsch von Jugendlichen nach mehr Wissenstransfer in der Schule: Tabus werden aufgebrochen, dem scheinbar Unaussprechlichen wird eine Sprache gegeben. Schluss mit Halbwahrheiten aus dem Internet, nur weil Erwachsene sprachlos und rot werden. Schluss mit veralteten Vorstellungen: Jugendliche wissen, dass Frauen auch Frauen lieben und zwei Männer gemeinsam Kinder großziehen können.

Was sich medial rund um diese Veränderungen abspielt, ist längst langweilig geworden. Jene, die sich fürchten, verabscheuen vermutlich auch die gültige Sexualerziehung – sie blenden jugendliche Sexualität aus.

Diese Ignoranz übt schon viel zu lang Macht aus. Ständig erleben wir, dass Erwachsene über Jugendliche sprechen und sie problematisieren. Es wird nach Lösungen gebrüllt und nicht erkannt, dass junge Menschen einfach ernst zu nehmen sind. Mit aggressiver Rhetorik werden stattdessen Horrorszenarien kreiert – Gruppenmasturbation im Kindergarten, Dildos in der Schule – wir wissen alle, dass nichts davon passieren wird.

Klar, selbstbewusste junge Menschen sind für Gegner von Sexualpädagogik der blanke Horror. Jugendliche, die auf allen Ebenen ernst genommen werden, bringen dieses gestrige Weltbild kräftig ins Wanken. Trotzdem: Hören Sie auf, Unwahrheiten zu verbreiten, und erkennen Sie, dass die Welt sich weiterdreht. Alles andere ist fahrlässig!

Laura Schoch ist Vorsitzende der Bundesjugendvertretung (BJV) und Mitglied der Arbeitsgruppe zur Erarbeitung des neuen Sexualpädagogik-Erlasses.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2015)

 

Link zum Artikel: http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/4729432/Aufgeklaerte-Junge-Der-blanke-Horror

Foto: Bundesjugendvertretung