Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures zum Gedenktag 2015

Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Parlament

Der diesjährige Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus steht vor dem Hintergrund der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen vor genau 70 Jahren ganz im Zeichen der Überlebenden. "Letzte Zeugen" – nach einer Aufführung des Burgtheaters – sprechen auch bei der Gedenkveranstaltung am 5. Mai 2015 im Historischen Sitzungssaals des Parlaments.

Die Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures in vollem Wortlaut:

– es gilt das gesprochene Wort –

Heute, vor 70 Jahren – am 5. Mai 1945 – haben Soldaten der 11. US- Panzerdivision die Mauern des Konzentrationslagers Mauthausen erreicht. Es waren durch den Krieg abgehärtete Männer. Und dennoch: Was sich ihnen hinter den Mauern und in den Lagerbaracken zeigte, war furchtbarer als alles bisher Erlebte. Wohl keiner der Befreier konnte diese Bilder jemals wieder vergessen: Geschundene und gequälte, bis auf die Knochen abgemagerte Körper, Überlebende und Tote einer unmenschlichen und verbrecherischen Vernichtungsmaschinerie.

Der Tag der Befreiung Mauthausens ist seit 1997 der offizielle österreichische "Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus". Den 70. Jahrestag der Befreiung nehmen wir heuer im Parlament ganz bewusst zum Anlass, um an die Überlebenden der NS-Verbrechen zu denken. Einige von ihnen sind heute unter uns. Mit Ihrer Anwesenheit erweisen Sie der Republik eine große Ehre. Herzlichen Dank – und willkommen im Historischen Sitzungssaal!

Vier Überlebende werden heute im Rahmen einer eigens für das Parlament adaptierten Fassung der Burgtheater-Produktion "Die letzten Zeugen" zu uns sprechen. Ich bedanke mich persönlich und im Namen des Parlaments dafür, dass Sie diese Gedenkveranstaltung durch Ihr Mitwirken zu etwas ganz Besonderem machen: Rudolf Gelbard, Lucia Heilman, Suzanne-Lucienne Rabinovici und Ari Rath – ich begrüße Sie sehr herzlich in unserer Mitte!

Wir gedenken hier – im Zentrum der Demokratie – der Opfer einer faschistischen Diktatur. Nicht immer war das Hohe Haus der Hort der Demokratie. Schon Jahre bevor es die Nationalsozialisten zu einer Zentrale ihrer Gewaltherrschaft machten, war das Parlament seiner demokratischen Funktion beraubt worden.

Die Geschichte zeigt: Diktatorische und faschistische Kräfte haben besonders leichtes Spiel, wenn sie auf eine schwache Demokratie stoßen. Deshalb ist es unser Auftrag, für eine starke Demokratie, einen lebendigen Parlamentarismus und einen funktionierenden Rechtsstaat Sorge zu tragen. Es ist unser aller Auftrag, entschieden gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung aufzutreten und gegen jene Kräfte, die unsere demokratische Gesellschaft verunsichern, spalten und angreifen wollen.

Heute sind wir es, die Verantwortung für unsere Demokratie tragen. Morgen werden es unsere Kinder sein. Wir müssen Ihnen jene Werte mitgeben, die sie dafür brauchen. Eine Frau, die hier ganz Besonderes leistet, ist Christine Nöstlinger. Mit ihren Büchern nahm sie Generationen von Kindern an der Hand.

Zuneigung gegenüber Außenseitern, Mut zur Freiheit, Widerständigkeit und nicht zuletzt ein gesundes Misstrauen gegenüber Autoritäten: Das ist es, was Ihre Figuren vorleben. Und das ist es, was unsere Demokratie braucht. Danke, liebe Christine Nöstlinger! Wir alle freuen uns auf Ihre Rede!

Die Überlebenden des NS-Terrors haben heute ein stolzes Alter erreicht. Als sie von den Nationalsozialisten zu Opfern gemacht wurden, waren sie fast allesamt Kinder. Sie hatten Familie und ein Zuhause, sie hatten Träume und sie hatten Hoffnung. Eineinhalb Millionen Kinder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Darunter eine Million jüdische Kinder, zehntausende Roma und Sinti und tausende Kinder, die als behindert oder asozial bezeichnet wurden, Kinder, die nicht in das nationalsozialistische Weltbild gepasst haben.

Kinder in den Ghettos und Lagern hatten kaum Chancen, den NS-Terror zu überleben: Für die Zwangsarbeit nicht einsetzbar, wurden sie oft unmittelbar nach der Deportation ermordet. Entkamen sie der Ermordung, zerbrachen sie an den unmenschlichen Lebensbedingungen. Überleben wurde zur seltenen Ausnahme. Überleben bedeutete für viele Kinder aber auch, ohne Familie und ohne Heimat in eine ungewisse Zukunft gehen zu müssen. Ihrer Kindheit beraubt, wurden sie allzu oft Erwachsene mit Wunden, die nicht mehr heilen wollten.

Die Künstlerin, Schriftstellerin und KZ-Überlebende Ceija Stojka, die vor zwei Jahren leider verstorben ist, hat diese Bürde ihres Lebens so beschrieben: "Die Angst ist immer in uns. Es gelang mir nie, das zu vergessen. Nie. Und so lange ich leben werde, werde ich daran denken, was sie mit uns gemacht haben, der Hitler und seine Leute."

Viele der Überlebenden durchlitten die lebenslange Erinnerung im Stillen. Andere begannen zu berichten – und machten sich das "Niemals Vergessen" zu ihrer Aufgabe. Lange wollte man ihnen nicht zuhören. Aber sie wurden nicht müde zu erzählen. Die Widerstandskämpferin und Überlebende Rosa Jochman sagte: "Die Menschen zum Denken, zum Sehen und zum Hören zu bringen – das ist unsere Aufgabe."

Heutige Generationen haben noch das Privileg, das Geschehene aus dem Mund jener zu hören, die es selbst erlebt haben. Diese Erzählungen waren für mich und viele andere der stärkste Impuls für die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen. Das Erinnern künftiger Generationen wird stärker an Orte gebunden sein. Auch Orte sind Zeugen – und auch Orte tragen Spuren: Etwa die Lager der Vernichtung und des Massenmords oder die Orte, an denen Gewalt, Raub und Mord geplant und vollzogen wurden; Straßen und Plätze, an denen gedemütigt und ausgegrenzt wurde; aber auch die Orte des Exils, des Überlebens, des Widerstandes; und nicht zuletzt Wohnungen und Häuser, die vor der Verfolgung ein Zuhause waren.

Doch wir könnten diese Spuren kaum lesen ohne die Erinnerungen jener, die über diese Orte erzählt haben. Es muss den Zeugen dieser schrecklichen Zeit unermessliche Kraft kosten, das Erlebte immer – und immer wieder – zu erzählen und damit zu durchleben. Unermesslich ist daher auch der Dank, den wir Ihnen dafür schulden!

Denn: Nur, wenn wir wissen, was war und nur, wenn wir wissen, warum es war, können wir verhindern, dass wieder kommt, was niemals wieder sein darf!

"Niemals vergessen" – das ist unser Versprechen. Es entstand aus der Bürde der Überlebenden, niemals vergessen zu können.
 

Foto: Parlamentsdirektion/Johannes Zinner