Leserinnenbrief von Sonja Wehsely, Amtsführende Stadträtin für Gesundheit und Soziales

Sehr geehrter Herr Chefredakteur Dr. Lackner,

Ostern ist. Da sprießen wieder die Blumen, da zwitschern wieder die Vögel, da fehlen wieder die magazinösen Themen, und da gibt es viel Platz für chauvinistische Schubladengeschichten, wie sie die Männer Gernot Bauer und Robert Treichler unter dem Titel "Mit List und Lücke" in profil Nr. 14 vom 2. April 2012 zum Besten geben.

Da wird gegeifert und gejohlt, da werden feministische Anliegen und Politikstrategien gegen die gläserne Decke, ganz besonders aber Feministinnen selbst verächtlich gemacht. Da liest man von der "Gender-Pay-Gap-Folklore", von "Apologetinnen des Mythos von der weiblichen Einkommensbenachteiligung", für die starken Mägen gibt es – sinngemäß als Osterschinken – dann noch im Kontext des Equal Pay Day einen "Welttag der Feuchtgebiete" und den "Tag des Artenschutzes" als Nachschlag. Was zählt, ist in der Geschichte offensichtlich die Form, der Inhalt wäre ja notwendigerweise zu recherchieren gewesen.

Weil es so gelungen illustratorisch wirkt, drucken die Männer Bauer und Treichler unterstrichen und fett sie bestätigende Aussagen der Männer Josef Gritz, Franz Urban, Jürgen Nachbaur, Fritz Hagl, Georg Liftinger, Egon Karabacek, Peter Anzeletti-Reikl, Sven Pusswald und Walter Novotny ab. Mit der gleichen statistischen Schärfe, die die gesamte Schmähschrift aufweist, kommen aber – eh auch – 18 Prozent Frauen in der profil-Zierzeile vor.

Sie haben nicht, wie es Ihr Hefttitel verspricht, die "Wahrheit über die Ungleichheit" abgedruckt – Sie haben beim Vertuschen geholfen. Wir Frauen wissen es besser: Es gibt nach wie vor Ungleichheit in der Bezahlung von Frauen und Männern in Österreich. Die zitierten Studien ließen sich alle – den nötigen kritischen Blick vorausgesetzt – genau so lesen. Wir Frauen werden diese Verhältnisse ändern. Wenn wir dabei auf die Solidarität fortschrittlicher Männer stoßen, gut – wenn nicht, dann machen wir es eben alleine.

Ostern ist. Gernot Bauer und Robert Treichler freuen sich bestimmt bereits auf ihren "Festbock" im Hinterzimmer. Prost.

Mit besten Grüßen,

Mag.a Sonja Wehsely,
Amtsführende Stadträtin für Gesundheit und Soziales