Leserinnenbrief von Sonja Ablinger, Nationalrätin

Sehr geehrter Herr Chefredakteur Lackner!

Ich bin – um es mit einem understatement auszudrücken – irritiert ob dem Qualitätsabfall der heutigen Titelstory. Studien richtig lesen und interpretieren zu können, mag nicht jedermann(n)s Sache sein, aber wenn es schwer fällt, sollte man sich einem Thema widmen, das weniger Analysefähigkeit in Geschlechterfragen verlangt.

Was erschüttert, ist, wie zwischen den Zeilen und gar nicht verschleiert, der verkrampfte Versuch durchsickert, es darf nicht sein, was ich nicht sehen will und dabei nicht einmal auf billigste Methoden der Verächtlichmachung verzichtet wird: Dass der Equal Pay Day in einem Atemzug mit dem "Welttag der Feuchtgebiete", dem "Welttag der Hauswirtschaft" und dem "Tag des Artenschutzes" genannt wird (Seite 23), mag zwar an feuchtfröhlichen Männerstammtischen für Gejohle und Schenkelklopfen sorgen (und vielleicht auch woanders), aber in einer Qualitätszeitung erstaunt dieser Niveauverlust. Es bestätigt allerdings den Verdacht, dass es den Autoren um eine ernsthafte Bearbeitung des Thema eben nicht geht.

Als Untermauerung zur Titelgeschichte "Mit List und Lücke – Mythos Lohnschere" dient den Autoren das Zitat eines Betriebsratsvorsitzenden: "Es gibt keine Unterschiede bei den Einkommen, dort wo Unterschiede auftreten beziehen sie sich auf unterschiedliche Abgeltung von Mehrleistung." Ah ja. Das nennt man mittelbare Diskriminierung, meine Herren. Oder auch 'Wir lassen uns eine Geschichte durch eine ordentliche Recherche nicht zerstören'. Interessant ist, dass die beiden Autoren, Gernot Bauer und Robert Treichler, auf neun Seiten Studien zitieren, die bei Nachschau alle Grundlagen für differenzierte Ursachen für Lohnunterschiede und mittelbare Diskriminierung liefern. Das wird von den Herren geflissentlich überlesen bzw. eben nicht zitiert. Vielmehr stellen sie fest, der Gender Gap Report liefert zweifelhafte Ergebnisse.

Das ist richtig: Zweifelhafte Ergebnisse werden geliefert. Abos sind kündbar. Wenn das Benennen von Machtverhältnissen und Ungleichheiten als "Festhalten an der Opferrolle der Frauenpolitikerinnen" tituliert, der Gender-Pay Gap als "Folklore" ausgewiesen wird und männliche Kampfrhetorik den Blick auf die Wirklichkeit verstellt, gleichzeitig Analysefähigkeit den festgefahrenen Vorurteilen geopfert wird, muss ich dafür nicht auch noch bezahlen.

Schönen Sonntag.

NR Sonja Ablinger, SPÖ-Kultursprecherin