Leserinnenbrief von Renate Brauner, Vizebürgermeisterin in Wien, Vorsitzende der Wiener SPÖ-Frauen

Leserinnenbrief von Renate Brauner, Vizebürgermeisterin in Wien, Vorsitzende der Wiener SPÖ-Frauen

Sehr geehrter Herr Chefredakteur,
wie jedes Jahr am 1. April begibt man sich bei der morgendlichen Lektüre auf die Suche nach einer "Zeitungsente"- eine Falschmeldung, die die Redaktion als Aprilscherz abgedruckt hat. Profil hat den LeserInnen das Suchen in der Ausgabe 14/2012 erspart und eine Titelgeschichte konstruiert –  man muss es wirklich so formulieren -, die ihresgleichen sucht.
Die Redakteure Gernot Bauer und Robert Treichler haben sich auf neun Seiten zum Thema Einkommensunterschiede eine "Realität" konstruiert, die auf "bereinigten "  Daten basiert  – um festzustellen, dass ein Einkommensunterschied von 12 bzw. 18 Prozent "kein wesentlicher Lohnunterschied"  ist.
Bereinigt man nun den Artikel, der in einem Magazin publiziert wurde, das seit vielen Jahren mit gesellschaftskritischen Diskussionen zur politischen Debatte beiträgt,

*    um die Tatsache, dass er von Männern geschrieben wurde und fast ausschließlich Männer zitiert (es gibt von 11 hervorgehobenen Zitaten gezählte 2 (!) von Frauen  –  ist das auch kein "wesentlicher" Unterschied zu einem ausgewogenen Beitrag?),
*    um die (Ab-)Wertungen, die vorgenommen werden ("Festhalten an der Opferrolle> ", "sich doppelt benachteiligt fühlen hält offenbar besser"),
*    um die frauenfeindlichen Äußerungen und Vergleiche ("Welttag der Feuchtgebiete","Welttag der Hausarbeit", "Tag des Artenschutzes"),
*    um die Infragestellung eines offiziellen, europäischen Aktionstages,
*    um alle Fragen, die unbeantwortet geblieben sind (ein exemplarischer Auszug): Warum gibt es keine Frau an der Spitze eines an der Wiener Börse notierten Unternehmens? Warum sind weniger Frauen in Vorständen, Aufsichtsräten und Geschäftsführungen, als Männer? Warum gehen viel mehr Frauen in Karenz als Männer? Warum ergreifen viel weniger Mädchen/Frauen technische Berufe?,
dann wäre es unter Umständen ein Artikel geworden, mit dem man sich seriös auseinander setzen hätte können. Davon unbereinigt bleibt es ein verunglückter  "1. April"  mit verspäteten Faschings "schenkelklopfern". Das jedenfalls ist ein wesentlicher Unterschied zu einem Qualitätsmagazin.
Wir SPÖ-Frauen kämpfen weiterhin für Gleichberechtigung in einer Realität, in der Frauen in vielen Bereichen noch benachteiligt werden  –  und denen ist es herzlich egal, ob diese Ungerechtigkeit bereinigt ist oder nicht.
 
Mit freundlichen Grüßen
Vizebürgermeisterin Mag.a Renate Brauner Vorsitzende der Wiener SPÖ-Frauen