Leserinnenbrief von Bettina Stadlbauer, ÖGB OÖ

sehr geehrte herren,

als eine, deren aufgabe es ist, einkommensberichte zu analysieren, kann ich ihnen gerne nachhilfe bezüglich des (nicht)vorhanden-seins von einkommensunterschieden in großen betrieben geben.

es wundert mich nicht, dass betriebsrät_innen positiv gegenüber medien über ihren betrieb reden. würden sie negatives an die öffentlichkeit bringen,  könnte das äußerst unangenehme konsequenzen nach sich ziehen, stichwort: verschwiegenheit. doch eine seriöse analyse von einkommensberichten zeigt anderes!

so weit zur theorie, nun zur praxis:

bei den von mir zuletzt analysierten einkommensberichten, die beim ersten drüberlesen auch als "da gibt´s keine unterschiede" eingestuft wurden, konnte ich folgendes fest stellen:

1) in einem betrieb der metallindustrie ist es seit jahren üblich, dass frauen in einer gewissen verwendungsgruppe "hängen bleiben", während männer sehr wohl in die nächst höhere umgestuft werden, sobald alle berufsjahre erreicht wurden.
2) in einem metallgewerbebetrieb verdienen angestellte männer mehr als angestellte frauen, obwohl sie die selbe qualifikation und berufsjahre aufweisen. begründung des unternehmens: die männer sind techniker, die frauen arbeiten im büro. tatsache ist, dass beide gruppen sachbearbeiter_innentätigkeiten im büro machen. die männer haben kundendienst und beraten kund_innen und müssen daher "technisches wissen" aufweisen, das höher entlohnt wird. die frauen sind ebenfalls im kundendienst, rechnen die dienstleistungen ab. technisches wissen ist dafür ebenfalls voraussetzung, das wird allerdings nicht bezahlt, sondern "vorausgesetzt".
3) in einem dienstleistungsbetrieb erhalten männer grundsätzlich schneller außerordentliche gehaltserhöhungen als frauen in den gleichen positionen. begründung des unternehmens: männer kommen halt schneller lohnverhandeln – laut gesetz müsste das unternehmen aber dafür sorgen, dass es gleichen lohn für gleiche arbeit gibt.
4) in einem pflegebetrieb wurden unterschiedliche frauen- und männerlohngruppen festgestellt. "hilfstätigkeit im arbeiterbereich" lautet die überschrift. in der einen lohngruppe mit dieser überschrift waren dann die hilfsköchinnen, hilfsbeschließerinnen und hilfsnäherinnen (weibliche bezeichnung!) angegeben und bei der anderen lohngruppe die hilfsgärtner und hilfsportiere. muss ich noch erwähnen, dass die männerlohngruppe höher bewertet war?

einkommensberichte zu bekommen, zu analysieren, fragen dazu zu entwickeln und daran weiter zu arbeiten, ist für betriebsrät_innen eine mühsame angelegenheit, die aber in den meisten fällen – zumindest in den mir bekannten – für frauen verbesserungen bringt. artikel, die das thema einkommensungerechtigkeit derart bagatellisieren, tragen nicht gerade zur unterstützung in der täglich praxis bei.

mit freundlichen grüßen

bettina stadlbauer

Österreichischer Gewerkschaftsbund
Bettina Stadlbauer
Bereichsleiterin für Frauenarbeit, MigrantInnen und Zielgruppen