Leserbrief von Andreas Schieder, Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Sehr geehrte Redaktion!

„Die Wahrheit über die Ungleichheit“ – so steht es auf dem Cover Ihrer aktuellen Ausgabe. Die Wahrheit, wie sie offenbar das profil sieht, besagt: „Frauen und Männer verdienen in Österreich bei gleicher Arbeit ähnlich viel“. Das ist gut. Wenn es denn wirklich so wäre. Denn, wie im Artikel dann selbst ausgeführt und per Grafik dargestellt, beträgt die bereinigte Lohnlücke – also jene Lücke, nach Abzug aller Faktoren, die einen Gehaltsunterschied erklärbar machen – 12 bis 18 Prozent. Also lassen wir einmal weg, dass es für die Berufs- und Ausbildungswahl und viele anderen Faktoren auch gesellschaftliche Aspekte gibt, die schon per se eine Diskriminierung von Frauen darstellen, sondern bleiben wir nur bei der Aufhängerfrage Ihrer Story: Gibt es einen „Gender Pay Gap“? Und jetzt behauptet das profil: Nein, den gibt es nicht mehr, denn der Unterschied sind ja nur 12 bis 18 Prozent.

Das nehme ich so zur Kenntnis, bin aber gespannt, welche Folgen das nun hat: Wird das profil um 12 bis 18 Prozent billiger und in Zukunft also nur mehr 2,90 Euro statt 3,50 Euro kosten? Werden von nun an Redakteurinnen, Sekretärinnen, weibliche Reinigungskräfte  – also alle weiblichen Angestellten – im  profil um 12 bis 18 Prozent mehr verdienen? Kann so schwierig ja nicht sein, weil ja „ähnlich viel“.

Einen positiven Aspekt hat Ihre Geschichte aber auch: Sie zeigt ganz klar auf, warum es weiterhin höchst notwendig ist, für Frauenanliegen und Gleichberechtigung zu kämpfen. Gerade in meinem Bereich – der Finanz- und Wirtschaftspolitik – hat man viel zu selten mit Frauen in Führungspositionen zu tun. Mit dem Corporate Governance Kodex in Gesetzesform und der Initiative „Frauen in Aufsichtsräten und Führungspositionen“, setzen wir uns dafür ein, hier endlich Veränderungen herbeizuführen. Auch mit dem „Gender Budgeting“ im neuen Haushaltsrecht werden in Zukunft alle Gesetze auf ihre geschlechterspezifische Auswirkung überprüfen.

Weil ich es nicht akzeptieren will,  dass Frauen grundsätzlich – und auch  im Finanzbereich – weniger verdienen (http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/745757/Frau-Finanzchef-verdient-weniger). Wo der Weg hinführen soll, zeigt Norwegen. Die profil-Coverstory leider nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Schieder

PS.: Anbei noch das Cover des heutigen Kuriers, das zeigt, wie die Lage leider wirklich ist.